Willkommen!
Hier gibt es ein Solarpunk-Buch von Sabine Seeliger: „In-Zone“.
Worum geht’s
Was ist Solarpunk? Solarpunk-Literatur stellt die Vision einer Gesellschaft vor, die all das, was derzeit unsere zivilisatorischen Errungenschaften bedroht, vermieden oder gemeistert hat: Klimakrise und Artensterben, gruppenbezogenen Hass und skrupellosen persönlichen oder gruppenbezogenen Egoismus. Die ökologische und friedliche Gesellschaft der Zukunft erreicht dies aber nicht durch ein Zurück zum „einfachen“ Naturleben, sondern durch die Bejahung von Technik zum richtigen Zweck, nämlich zum Wohlleben (nicht zu verwechseln mit Wohlstand) für alle.
Im Unterschied zu – ebenfalls oft aus ökologischer Besorgnis motivierten – Endzeit-Szenarien traue ich solchen positiven Visionen mehr Motivationspotential zu. Wenn Öko-Katastrophen-Filme, -Games und -Literatur ein „Happy End“ haben, ist oft nur der vollkommene Zusammenbruch abgewendet oder das Grüppchen, mit dem man mitgefiebert hat, durchgekommen. Eine globale Verbesserung wird nicht gezeigt. Wenig motivierend. Nichts, wonach man Sehnsucht bekommen kann.
Ist das hier Solarpunk? Ich wünsche es mir. In wirklich finsteren Zeiten von Ukraine-Krieg, Nahost-Krieg, Dauerkrisen wie Sudan, Autoritarismus, Gender-Rollback und Kettensägen-Liberalismus folgt dieser Text dem Motto „Ich schreibe mir die Welt wie sie mir gefällt.“
Ich nenne meinen Text „Near-future Solarpunk“, weil er nicht phantastisch ist und in ferner Zukunft spielt, sondern die guten Ansätze weiterspinnt, die heute schon da sind. Keine fremden Welten, sondern unsere, nur besser (nach meinem Geschmack besser).
Sicher könnten sehr viele Menschen ähnliche Ausblicke aufschreiben. Die würde ich sehr gerne lesen. Also: Schreibt, malt, baut, podcastet, game-designt positive Zukunftsentwürfe! Wenn euch das Setting dieses Textes gefällt, dann nutzt es weiter; baut es aus, siedelt Geschichten dort an – Liebesgeschichten, Krimis oder was auch immer – die uns neben der Handlung das In-Zone-Lebensgefühl und die Sehnsucht danach vermitteln. Schreibt, schreibt, schreibt… Crowd-Solarpunk.
Leseprobe Teil I
Kapitel 1: Verliebt
August, Eco-Zone, Spanien, Provinz Gipuzkoa, Wohngenossenschaft „Arrasate“
„Ich kann keinesfalls umziehen; ich liebe das Leben in der Zone, meine Arbeit macht mich glücklich und ich verdiene auch noch unverschämt gut.“
„Aber doch nur Eco, oder?“ Noch bevor die Bemerkung ausgesprochen war, merkte Tom, dass er tief im Fettnapf stand. „Entschuldige, Nelly. Denk dir das ‚nur‘ bitte weg. Ich meine, du verdienst ausschließlich Eco, richtig?“
„Merke ich da ein gewisses Vorurteil? Aber ja, korrekt. Und ich krieg alles, absolut alles, was ich brauche, für Eco. Siehst du ja.“
Wie schon die Tage zuvor würde Nelly auch hier im Bistro für sie beide bezahlen, weil Spanien beinahe komplett in der Eco-Zone war. Nelly kam aus Baden-Württemberg, das ebenfalls zur Eco-Zone gehörte und konnte deshalb ohne Umtauschgebühr bezahlen. Für Tom, der aus Bayern kam und mit „herkömmlichen“ Euro bezahlte, war es hier wesentlich teurer.
Tom kam zum Ausgangspunkt zurück. „Heißt also, wenn das mit uns beiden keine spanische Urlaubsaffäre bleiben soll, dann müsste ich zu dir umsiedeln… in die Zone.“ Und vom Land in eine Universitätsstadt, fügte er in Gedanken hinzu.
Entschuldigendes Nicken von Nelly.
„Kann ich mein Motorrad mitbringen?“
„Ja.“
„Kann ich ab und zu was grillen – soll heißen: Fleisch grillen?“
„Ja doch.“
„Gibt’s bei euch auch Metal-Konzerte?“„Sag mal, du wohnst zuhause in Deutschland doch keine 100 km von der Zone entfernt, oder?“ Nelly zog fragend eine Augenbraue hoch.
„Gab bis jetzt keine Motivation, mich mit der Zone zu beschäftigen. Hab’s beim Aufgeschnappten belassen. Also: Metal-Konzerte?“
„Njet, nada, leider nein. Weil: Bei uns hängt immer so ein sphärisches Gedudel und Glöckchengebimmel in der Luft“, flötete Nelly.
Sie stand auf, strich über Toms Schultern und Oberarme, küsste ihn auf den Nacken unter den dunklen Wuschelhaaren und nuschelte in sein Ohr: „Lass mal hoch in die Gästewohnung gehen, du Schöner.“, und zum Display auf dem Tischchen gewendet „Zahlen, bitte.“ Das Display sprang an und zeigte drei Beträge: Untergrenze 12 Eco, höchster bezahlter Betrag 18 Eco, Mittelwert 13 Eco und 75.
„13 Eco und 75 Cent transferieren?“, fragte Nellys Com aus dem kleinen Lautsprecher an ihrer Halskette.
„Plus 3 Eco“ sagte Nelly.
„Transferiere 16 Eco 75 Cent an Bistro Arrasate. Korrekt?“
Nelly bestätigte und sie verließen das Bistro. Das „Tack så mycket“ der baskischen Servicekraft hörten sie schon nicht mehr.
In Toms Gästewohnung in der Wohngenossenschaft „Arrasate“ war die Tür noch nicht hinter ihnen zugefallen, als sie auf dem Weg zum Bett schon begannen, die Schuhe loszuwerden und sich gegenseitig die Kleidung abzustreifen – lachend, weil es nicht so flüssig ging wie sie wollten. Rock und Hose verursachten Hüpfer auf einem Bein, denen beide immerhin einen eleganten Abschluss gaben, indem sie sich auf das Bett fallen ließen, das quietschend in ihr Lachen einstimmte. Nur die Coms waren zu kompliziert zu öffnen. Beide trugen die in flexibel verbundenen Streifen angeordneten Komponenten wie ein breites Armband, nicht als Gürtel oder am Bein wie es andere bevorzugten. Am Unterarm störten die Coms sie nicht, konnten dranbleiben. Glücklich schauten sie sich in die Augen um dann im Vollrausch ihrer Verliebtheit übereinander her zu fallen.
Dass Tom eigentlich seiner Ex-Freundin nach Mondragón hinterher gereist war, um sie zu überzeugen, einen Neustart ihrer Beziehung zu machen, war von seiner Agenda verschwunden seit Nelly und er sich über den Weg gelaufen und magnetisch angezogen hatten.
Nelly war hauptsächlich als Touristin unterwegs, hatte aber als überzeugte Eco-Zonen-Bewohnerin das Reiseziel nicht zufällig gewählt: Mondragón als Gründungsort der ältesten und größten Industriekooperative, Vorbild der genossenschaftlichen Organisation aller Wirtschaftszweige, Realutopie seit achtzig Jahren. Hier wollte sie neben touristischen Zielen auch Betriebe besuchen. Jedoch verloren auch ihre Pläne an Wichtigkeit, wenn Tom sie küsste.
„Was kann ich noch tun, um dich in die Zone zu locken?“ fragte Nelly als sie matt und zufrieden, umschlungen dalagen. „Ich wüsste sonst wirklich nicht wohin mit meiner ganzen Lust auf dich.“
Tom ließ gedankenverloren eine Strähne von Nellys Haar um seine Finger gleiten. Er wunderte sich selbst, woher die Anziehungskraft kam, die Nelly auf ihn ausübte, denn eigentlich entsprach sie nicht seinem bisherigen Schönheitsideal von Frauen. Nelly war nicht so kurvig, wie er es bisher für attraktiv gehalten hatte, sondern insgesamt füllig; „drall“ würde seine Mutter es nennen. Ihr Gesicht ebenmäßig-flächig, die Haare glatt und von unscheinbarem Hellbraun, so dass auch die Augenbrauen kaum auffielen. Sogar ihre viel Platz einnehmende, selbstsichere Art fand er herausfordernd; es erforderte geradezu Anstrengung, neben ihr nicht zu schrumpfen.
„Sag mal, Nelly, bin ich eigentlich dein Typ – so vom Aussehen her?“
Nelly stützte sich auf und strich mit der freien Hand sein Gesicht und Körper entlang. „Lass sehen: markante Augenbrauen und Wangenknochen, hellbraune Augen, dunkelbraunes lockiges Haar und Bartstoppeln, sehr… oh, sehr muskulöse Schultern und Arme, nicht zu viele und nicht zu wenige Haare auf der Brust, hübscher Po und auch sonst so… Ja, tatsächlich: Du bist voll mein Typ, würde ich sagen.“
Sie knautschte sich das Kopfkissen zurecht und blickte auf das bunte Bild an der gegenüberliegenden Wand. „Rückblickend muss ich aber zugeben, dass ich wohl nicht so festgelegt bin. Meine Lover sahen alle unterschiedlich aus und waren auch von ihrer Art her verschieden. Bisher ist es eher so gelaufen, dass wir uns erst kannten und sich dann Zuneigung und dann körperliche Anziehung entwickelt hat. Also genau anders herum als bei uns beiden jetzt gerade. Wenn meine Lover eins gemeinsam hatten, dann Musik. Konnten alle ein Instrument spielen und singen. Bist du musikalisch?“ Sie tippte Tom auf den Solarplexus.
„Nein, ganz und gar nicht. Gitarre versucht und schnell sein lassen. Und singen willst du mich nicht hören, glaube mir.“ Tom suchte schon im Geiste nach einer verträglichen Formulierung, wenn Nelly zurückfragte, ob sie sein Typ sei, aber die Frage kam nicht. Nelly schien noch ihre Verflossenen Revue passieren zu lassen oder suchte nach deren Gemeinsamkeiten. Tom nutzte die Gelegenheit, um wieder auf das ursprüngliche Thema zurück zu kommen.
„Also, wegen Umzug in die Zone: ich glaub, ich mach’s. Hier in Mondragón ist ja auch Eco-Zone und das Leben fühlt sich ganz normal an.“
Nelly kicherte und biss ihn zart in die Schulter. „Wobei wir bisher nicht wirklich viel von der Außenwelt gesehen haben. Aber ich kann dir versichern, dass du im täglichen Leben nicht die Riesenunterschiede spüren wirst, wenn wir von der Zone allgemein sprechen. Ich wohne allerdings in einem Gemeinschaftswohnprojekt ähnlich diesem hier. Es heißt ‚Das Habitat‘ und da ist unser Lebensstil doch deutlich anders: ökologischer, feministischer, solidarischer. Ich weiß nicht, ob dir das entspricht. Außerdem sind es alles Cluster-Wohnungen, also kleine Privatzimmer mit Mini-Bad und Teeküche, die sich eine große Wohnküche und andere Shared Spaces teilen. Ich hätte vollstes Verständnis, wenn du lieber eine normale Wohnung außerhalb des Habitats haben willst.“
„Was eher klappt“, schlug Tom vor.
Nelly strahlte. „Kannst du drauf wetten, dass eins von beiden pronto klappen wird, wenn ich mich dahinterklemme.“
Tom ließ sich von Nellys Begeisterung anstecken. Keine Frage, dass er in ihre Nähe ziehen wollte. Die Tatsache, dass er dann seine Eltern mit ihrem Milchviehbetrieb allein lassen würde, wäre damit allerdings auch besiegelt und das würde schwer werden.
Kapitel 2: Ankunft
September, Eco-Zone, Deutschland, Baden-Württemberg, Gemeinschaftswohnprojekt „Das Habitat“, Nellys Cluster
„Schalom allerseits.“
„Frieden, Bert. Setzt du dich zu uns?“ Nelly nickte in Richtung des Stuhls neben sich.
„Gerne. Kurz, muss noch AG Belegung. Aber certainly neugierig auf Tom. Also, erster Eindruck? Kommst du klar?“
Tom schaute in das fragende Gesicht seines Gegenübers. Von Bert wusste er, dass er IT-Crack mit Schwerpunkt Cyber-Security war. Muskulös, mit zurückgegeltem Haar wirkte er auf Tom auf den ersten Blick nicht wie der einfühlsame Typ. Wie tief sollte er ins Detail gehen, was erwarteten Bert und Nelly für eine Antwort zwischen „Alles bestens“ und „Ich komm mir vor wie auf einem fremden Planeten“? Etwas hilflos ließ er seinen Blick den Laubengang entlang schweifen, über Sitzecken, Blumenkübel, Kinderwagen- und Rollatorenparkplätze.
Nelly bemerkte sein Zögern und sprang ein. „Eigentlich habe ich für Tom nach einer kleinen Wohnung in der Nähe, außerhalb des Habitats gesucht, weil ich denke, dass ihm das eher entsprechen würde. Jetzt hat aber nicht nur das Habitat eher geklappt, sondern ausgerechnet auch noch Cluster 5. Ist für die Eingewöhnung eines Carni-Flexitariers mit Verbrenner-Motorrad nicht so richtig hilfreich.“ Ein Giggeln von Nelly und Bert steigerte sich zum lauten Lachen.
„Oh Mann, unsere drei Js! Die krassest mögliche adaptive Herausforderung – so vibe-mäßig, meine ich“, stieß Bert hervor.
Tom fand Berts Szene-Slang anstrengend, war sich nicht sicher, den Inhalt richtig verstanden zu haben und nickte nur.
Nelly dimmte ihr Lachen zu einem Grinsen herunter. „Ja, für beide Seiten. Jasemin, Janavi und Juliane bemühen sich ehrlich, es auch als Chance zum Toleranzüben für sich zu sehen. Aber so weit, dass Tom ihr gemeinsames Geschirr mit Kadaver in Berührung bringen darf, geht die Toleranz nicht. Mikrobio-Fleisch geht wohl klar. Wir haben aber noch nicht geklärt, was mit In-vitro-Fleisch und Insekten ist. Tom kann aber zum Kochen jederzeit in unser Cluster kommen, nicht wahr, Bert? Schlüssel ist schon auf deiner Com?“ fragte Nelly and Tom gerichtet.
„Ja, Schlüssel habe ich, aber Insekten brauchen wir nicht klären.“
„Echt, magst Du nicht?“ fragte Bert „So unwiderstehlich für mich! Haben mich vom Veganer zum Insekti-Flexitarier degradiert. Übrigens auch Gold wert für Muskelaufbau. Aber zu allererst: Ich finde es mighty in-vibe, dass du ohne Zögern zu Nelly umsiedelst, Chapeau! Fiel dir die Entscheidung schwer?“
Tom war erleichtert – eine Frage, die er verstand, beinahe frei von Szene-Slang. „Nein, umziehen wollte ich sowieso. Weg vom Hof meiner Eltern. Das ging echt nicht mehr. Die beiden kommen auch acht Jahre nach dem Enteignungsgesetz nicht drüber hinweg. Jeden Tag, ehrlich, jeden einzelnen Tag nur dieses Thema: ‚Seit fünf Generation von Pallhubers bewirtschaftet und bald kann sich jeder Dahergelaufene um den Hof bewerben‘ und so weiter und von vorne. Ich werde ihnen niemals begreiflich machen können, was für eine Befreiung die Enteignung für mich ist. Echt perfekt: Soll sich jemand bewerben, der Lust auf Landwirtschaft hat – ich bin raus.“
„Yo, ein Farmer aus Bayern!“ Bert war begeistert. „Mighty diverse, yo. Will ich mehr drüber hören, yo. Nur gerade sehe ich schon meine AG auf dem Weg zum Dachgarten.“
„Mir tout le monde. Kommst du Bert?“ Eine grauhaarige Frau winkte vom Ende des Laubengangs herüber.
„Paix, Heike. Komme! Hasta la vista, ihr beiden.“
„Was ist das mit dieser Begrüßung?“ Tom fragte Nelly, sobald Bert außer Hörweite war.
„Das ist so eine Art Spiel, das wir hier im Habitat haben. Bei Begrüßung, ‚Bitte‘, ‚Danke‘ und Verabschiedung herrscht Sprachen-Lotto. Wir versuchen, dafür alle Sprachen zu verwenden, die Leute hier im Habitat als Muttersprache haben.“
So etwas Ähnliches hatte er sich schon zusammengereimt; Tom wollte eher einschätzen, wie wichtig es genommen wurde. „Mir kommt das affektiert vor. Muss ich da mitmachen?“
„Dem Ritual kannst du hier im Habitat nicht entkommen.“ Nelly zog die Schultern hoch. „Das war sogar auch im Wohnprojekt in Mondragón allseits verbreitet – habe ich vor dem Urlaub auch nicht gewusst. Ich fand’s toll, dass ich das Spiel mit den Spanis gleich aufgreifen konnte. Hatte für mich etwas sehr Verbindendes über die Ländergrenzen hinweg. Fügt der monetären und wirtschaftlichen Verflechtung in der Zone noch eine kulturelle Verbindung hinzu. Um dich nicht dauerhaft darüber zu grämen, solltest du erwägen, es entweder als Gedächtnisspiel zu sehen, dann legst du dir ein gewisses Repertoire zurecht und wechselst durch, oder als bloße Konvention, dann nimm deine Com zur Hilfe. Aber – wenn du partout nicht willst, musst du nichts von alldem.“ Nelly überlegte kurz und fuhr nachdenklich fort. „Würde dich allerdings schon etwas ausschließen. Nein, vergiss das; anders herum ist es richtig: Das Spiel mitspielen ist deine einfachste und schnellste Eintrittskarte in die Hausgemeinschaft.“
Tom hatte das deutliche Gefühl, dass er gerne einige Zeit für sich hätte, um auszuloten, ob sich diese Sicht- und Sprechweise annähernd möglich für ihn anfühlen würde. Bisher war sein Umfeld exakt gegenteilig gewesen. Internationale Begriffe, für die es halbwegs passable deutsche gab, waren außerhalb der Zone verpönt. Entgenderte, inklusive Sprache war in öffentlichen Gebäuden nach wie vor verboten und wer sich privat so äußerte, hatte mit wütenden bis tätlichen Reaktionen zu rechnen, beziehungsweise online mit einem kolossalen Scheißesturm.
Tom stand auf. „Ich geh mal auspacken. Du brauchst nicht helfen, hast ja auch sicher noch anderes zu tun.“
Nelly sah Tom nach. Alle, mit denen sie über Toms Zuzug gesprochen hatte, hatten – wie sie selbst – vorausgesehen, dass die „Sprachfrage“ zu einer der größten Hürden gehören würde. Klar, niemand wurde hier zu etwas gezwungen und patriarchale Sprache war nicht verboten. Zur Wahrheit gehörte aber auch, dass Leute, die auf dieser Ausdrucksweise bestanden, erstens langsam in der Minderheit waren und zweitens durchaus grimmige Blicke von den Mitgemeinten aber nicht mit Angesprochenen ernten konnten. Aber immerhin nicht auf die Fresse kriegen wie andersherum, dachte Nelly.
Kapitel 7: Entstehung der Eco-Zone
Wohnprojekt „Das Habitat“
Tom schaute auf die Grafik und dachte sich, dass das Habitat im Kleinen die Trends der gesamten Eco-Zone widerspiegelte, nur noch extremer: mehr Frauen als Männer, überproportionaler Anteil Menschen mit Migrationsgeschichte, überproportionaler Anteil homosexueller und non-binärer Leute, überproportionaler Anteil Menschen mit körperlichen oder kognitiven Einschränkungen. Ihm war sofort klar, wie folgerichtig das war angesichts der gesellschaftlichen Lage, die zur Einrichtung der Eco-Zone geführt hatte. Er selbst konnte noch das Gefühl der aufgeheizten Stimmung abrufen. „Wokeness“ war der Kampfbegriff gewesen und sogar in seinem Dorf waren die zwei Lager aufeinandergeprallt. Eine seiner damaligen Lehrerinnen hatte das Verbot, im Unterricht genderneutrale Sprache zu gebrauchen, so umgesetzt, dass sie nur noch die weibliche Form verwendet hatte. Erboste anti-woke Eltern hatten ihr daraufhin so zugesetzt, dass sie die Stelle aufgab und in die Zone zog, die vor sieben Jahren gerade am Entstehen war. Mit ihrem Sohn verlor Tom dadurch seinen damals besten Freund.
Was Tom durch den Vorfall geblieben war, war die Abneigung gegen jegliche Sprachvorschriften. Weder mochte er Leute, die sich über das eine aufregten, noch über das andere. Schon die Erwartungshaltung im Habitat, dass er sich sprachlich anpassen sollte, empfand er als Zumutung. Den Wegzug seines Freundes hatte er damals, der allgemeinen Interpretation im Dorf folgend, mehr der Sturheit der Mutter zugeschrieben als den mobbenden Eltern. Jetzt merkte er selbst, wie er sich dem Gruppendruck nicht beugen wollte. Er hatte gute Lust, die Toleranz der Leute hier auf die Probe zu stellen.
Das Mobbing gegen seine Lehrerin war noch harmlos gewesen im Vergleich zu den Kämpfen andernorts, wo Hass auf Verfechter und Verfechterinnen von Diversität, Gleichwertigkeit und rationaler Politik häufiger in Gewalt umgeschlagen war. Die räumliche und wirtschaftliche Trennung der gespaltenen Gesellschaft schien die einzige kurzfristige Lösung zur Verhinderung von Bürgerkrieg und der Selbstzerstörung Europas zu sein. Entsprechend hatten die „Fragezeichen-Länder“ Teile ihres Territoriums zur Eco-Zone erklärt: alle skandinavischen und baltischen Staaten, Polen, Deutschland, die Benelux-Staaten, Frankreich, Spanien und Portugal, sowie Griechenland. Die zur Zone zusammengeschlossenen Gebiete sahen auf der Landkarte aus wie ein großes Fragezeichen von Norwegen bis Portugal mit dem halben Griechenland als isoliertem und ziemlich verrutschtem Punkt des Fragezeichens.
Beim Referendum zur Einführung einer Eco-Zone in Deutschland war Tom mit damals 17 Jahren stimmberechtigt gewesen und hatte, wie die meisten in seinem Dorf, dagegen gestimmt.
Aber anders als in seinem Heimatort war bundesweit die Zustimmung hoch ausgefallen, weshalb die Bundesländer in der Reihenfolge der höchsten Zustimmungswerte zur Eco-Zone wurden bis die ungefähre Repräsentanz der bundesweiten Zustimmung erreicht war. Das waren alle Bundesländer außer Brandenburg, Thüringen, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Bayern.
Tom war überzeugt, dass die Zustimmung zur Eco-Zone deshalb so hoch ausgefallen war, weil die Menschen in den Städten nach der „Miet-Revolte“ noch so im revolutionären Schwung waren. Ein Jahr vor dem Referendum zur Eco-Zone hatten sich die Regierungen Europas aufgrund von Massenprotesten in nie gesehenem Ausmaß gezwungen gesehen, den Beschluss zur Enteignung allen Grundbesitzes zu fassen. Die meisten Menschen hatten zu dem Zeitpunkt weit mehr als die Hälfte ihres Einkommens für Miete aufgewendet und die staatlichen Unterstützungsmaßnahmen landeten direkt bei den Wohnungsunternehmen und privaten Vermietern und stabilisierten damit nur die Schieflage. Mit dem Beschluss zur Enteignung über die folgenden hundert Jahre würden alle Grundstücke in Gemeinbesitz übergehen und die Gemeinden würden sie mit Vorgaben zu möglichen Nutzungen ausschreiben und verpachten. Eines der Kriterien zur Vergabe von Grundstücken mit Wohnnutzung wäre dann ein fair kalkulierter Wirtschaftsplan. Der Beschluss war in den Städten gefeiert worden. In den Gegenden wie seiner Heimat herrschte allerdings Fassungslosigkeit und ohnmächtige Wut. Toms Eltern würden wahrscheinlich niemals darüber hinwegkommen, auch wenn es fraglich war, ob sie die erste öffentliche Ausschreibung ihres Bodens überhaupt erleben würden – so lang wie die Zeiträume bemessen waren. Ihrem Groll tat das allerdings keinen Abbruch.
Während der Enteignungsbeschluss für die gesamte EU galt, ging es bei den nationalen Referenden zur Einführung der Eco-Zone um gesellschaftliche Werte und politischen Stil und darüber hinaus um die Einführung eines neuen Wirtschaftssystems mit eigener Währung. Tom musste sich eingestehen, dass er Nachholbedarf hatte, was die Funktionsweise dieser auf die Zone beschränken Parallelwährung anging. Er wusste, dass es nach der Lösung des Wohnraumproblems damit um das Einfangen der ebenfalls immer weiter steigenden Lebensmittelpreise gegangen war. Dass es Landwirten, die für den lokalen Bedarf produzierten, dadurch besser ging als seinen Eltern, deren Produkte den Weltmarktpreisen unterlagen, hatte sich bis zu ihnen herumgesprochen.
Vor seinem Umzug in die Zone hatte er versucht, auch die Wirkung auf die sonstige Wirtschaft zu verstehen, war damit aber noch nicht so weit gekommen. Von der auf ihn zugeschnittenen Zusammenfassung, die ihm seine Com geliefert hatte und die er sich erst auf der Fahrt hierher angehört hatte, hatte er nur behalten, dass das System sich an der Theorie zur Wohlfahrtsökonomie des Wirtschafts-Nobelpreis-Trägers Amartya Sen orientierte und eine Marktwirtschaft ohne Wachstum, eine „Degrowth-Ökonomie“, etablieren wollte, die eine neuartige Fiskalpolitik mit eigener Währung erforderte. Die Staatsziele – oder Zonen-Ziele musste man wohl sagen – waren soziale Einigkeit, Herstellung von Chancengleichheit, Einhegung von materieller Ungleichheit, Diversität, Feminismus und Rechtsstaatlichkeit.
Tom wunderte sich nicht, dass das zu Zuständen geführt hatte, wie er sie in Form der Grafik über die Zusammensetzung der Menschen im Habitat vor sich sah: Leute, die aufgrund ihres Aussehens, ihrer links-liberalen oder feministischen Einstellung bedroht wurden, waren in die Eco-Zone gezogen. Personen, denen – trotz simultan übersetzenden Coms – andere Sprachen oder deutsche entgenderte Sprache ein Graus war, waren in die umgekehrte Richtung gewandert. Das hatte die Bevölkerungszusammensetzung geändert, auch wenn die allermeisten Menschen an ihrem Platz geblieben waren, auch diejenigen, die sich in der anderen Zone wohler fühlen würden. Denen war jetzt nur klar, dass sie die grundsätzliche gesellschaftspolitische Wertsetzung nicht mehr ändern konnten. Demokratische Mitbestimmung beschränkte sich auf die Ausgestaltung und Umsetzung der jeweiligen Werte und politischen Ziele. Versuche, die grundlegende Ausrichtung zu ändern, wurden ab einem bestimmten Punkt mit dem in beiden Landesteilen allgegenwärtigen Spruch „Dann geh‘ doch nach drüben“ abgeblockt.
„Wann denkt ihr, ziehen die ersten Männer ins Cluster ein?“, fragte jemand in die Runde der Leute, die sich nach dem Plenum an einem der großen Tische im Café zusammengefunden hatten.
Juliane antwortete hoffnungsvoll, dass angesichts der vielen Auflagen vielleicht gar niemand einziehen wolle. Das schätzten die meisten in der Runde jedoch anders ein. Die Wohnungsnot hielt weiter an und die Männer zählten definitiv zur Gruppe derjenigen, die Schwierigkeiten auf dem Wohnungsmarkt hatten.
„Noch hat sich ja nicht viel geändert an der Wohnungsnot.“ Abdulhamid erklärte, was ihnen im Habitat nicht so präsent war, weil sie günstigen Wohnraum hatten. „Die Bodenenteignung bezieht sich zunächst nur auf den Aufkauf von solchen Grundstücken durch die Kommunen, die gerade sowieso verkauft oder vererbt werden. Dann erfolgt die erste Verpachtung der Grundstücke in der Regel an diejenigen, die die Häuser darauf besitzen, wenn sie nicht verzichteten. Die Verpachtungen können zwar mit Auflagen versehen werden, frieren aber zunächst nur den Status Quo ein. Eine wirkliche Änderung der Verhältnisse können wir erst mit dem Ablauf der jeweils ersten Pachtverträge 25 Jahren nach dem Aufkauf erwarten. Außerdem werden die mäßigenden Effekte der ersten Pachtverträge derzeit leider zunichte gemacht von Haus- und Grundbesitzenden, die die rechtlichen Grenzen für Mieterhöhungen nochmal ausreizen; wohl wissend, dass sie dann beim Aufkauf ihres Grundstücks keine Chance auf den ersten Pachtvertrag haben werden.“
Jasemin mischte sich ein. „Am skrupellosesten sind ausgerechnet auch noch die, die erstens am meisten Grundstücke besitzen und zweitens als letztes dran sind mit der Enteignung, weil ihnen die Grundstücke schon am längsten gehören: Kirche und Adel. Verdammte Ungerechtigkeit. Pero, Partisanos y Partisanas,“ Jasemin hob die rechte Faust, „wer jetzt in den Zwanzigern ist, hat die Chance, das Ende des Mittelalters noch zu erleben.“
Kapitel 20: Geld
Toms Cluster, Sonntagabend
„Wie kommt es, dass die ganze Begrüßung und Ablauf so eingespielt wirkt?“ Toms Out-Zone-Clique war soeben freundlichst verabschiedet nach Hause aufgebrochen und seine Frage richtete sich die anderen, die beim Frühstück dabei gewesen waren, und noch zusammensaßen. Das Frühstück war in ein Mittagessen und Nachmittagskaffee übergegangen. Erik, Nelly und Jasemin, die schon von Anfang an im Habitat wohnten, erklärten, dass das Intruder-Manöver früher häufiger angewendet worden war. Hauptsächlich für hohl drehende Ex-Partner von Frauen, die aus Frauenhäusern ins Habitat gezogen waren. Das Habitat bot den Frauen die Möglichkeit, sich nicht zu verstecken und damit ihr Leben – Arbeitsplatz, Sozialkontakte, Hobbys – aufzugeben, sondern im Habitat eine offizielle Meldeadresse zu behalten. Dadurch wurden sie aber auch von ihren Ex-Partnern gefunden und mussten sich auf den Schutz durch ihre Mitwohnenden verlassen können. Mike und Henri schwiegen beschämt, während die anderen gut gelaunt erklärten, dass man diese Art Intruder ja nun los sei; die Ex-Partnerinnen der Männer-Cluster-Bewohner würden voraussichtlich nicht auftauchen und rabiat fordern, dass ihre Partner zurückkommen.
Es hatte aber auch noch andere Arten von Intrudern gegeben. Eine umstrittene Feministin hatte im Habitat gelebt, deren Gegner es fälschlich für eine Form der politischen Auseinandersetzung gehalten hatten, im Habitat aufzumarschieren und Parolen zu skandieren. Hier war auf das betont freundliche Begrüßungsessen eine spontane Diskussionsveranstaltung im Café gefolgt, bei der sich die lautesten Skandierer plötzlich auf dem Podium wiedergefunden hatten und ihre Argumente gesittet in einer fair moderierten Diskussion vertreten mussten. „Our Habitat – our rules“, erklärte Nelly stolz.
Das Intruder-Manöver hatte aber nicht immer ausgereicht. Im Habiat wohnte auch ein Landtagsabgeordneter der Grünen, der landwirtschaftspolitischer Sprecher seiner Fraktion war. Dessen Entwürfe für eine weniger naturfeindliche Landwirtschaft stießen bei dem größten Teil der Betroffenen auf gar kein Verständnis. Entsprechend ihrem Ruf, bei jeder Anforderung oder Vorschrift direkt mit maximaler Eskalation zu reagieren, waren häufiger Flash-Mobs von Landwirten und Landwirtinnen im Habitat aufgetaucht. Kleine Grüppchen hatte das Habitat in bewährter Manier abgefangen; sobald es zu viele wurden oder deren Gewaltbereitschaft angesichts von mitgeführten Galgen nicht einzuordnen war, hatte man sich direkt an die Polizei gewandt und diese hatte eine Demo-Bannmeile gezogen. In-Zone war das Gesetz gegen Einschüchterung von Amts- und Mandatsträgerinnen und ‑trägern eindeutig formuliert und wurde konsequent durchgesetzt.
„Ach ja, und wir haben einen pädophilen Mitbewohner, bei dessen Einzug manche Menschen – nicht aus dem Habitat und der Nachbarschaft, sondern von weiter her – meinten, sie wüssten es besser als wir und die dann als Hater hier aufgetaucht sind“, fügte Erik an. Als er die hochgezogenen Augenbrauen von Tom, Mike und Henri sah, ergänzte er: „Hat nie einem Kind etwas zuleide getan und will es auch keinesfalls. Er ist ja extra freiwillig hierher gezogen und nicht anonym geblieben, um im Cluster und im Habitat unter Beobachtung zu sein und so einen zusätzlichen Schutz quasi vor sich selbst zu organisieren. Seine Vorstrafe hatte er für das Teilen von KI-generierten Filmsequenzen bevor sie kontrolliert und legalisiert wurden. Wäre also jetzt gar nicht mehr strafbar.“
Tom nutzte die Gelegenheit und wurde gleich noch eine weitere Frage in die Runde los. Er hatte von der Steuerbehörde eine Tabelle mit Erläuterungen erhalten. Zunächst sah die Tabelle übersichtlich aus, aber jede Zahl hatte eine scheinbar unendliche Drill-Through-Tiefe. Er hatte gar nicht gewusst wo er anfangen sollte und wollte nicht ziellos darin herumirren. „Könnt ihr mir eine Gebrauchsanweisung geben, oder soll ich lieber den Amtsbot zuschalten?“
Abdulhamid ließ Sheila als Finanzökonomin den Vortritt. „Zunächst einmal: Wir haben alle gleichzeitig die gleiche Tabelle bekommen. Es ist die öffentliche Investitions- und Steuerplanung für nächstes Jahr. Ich gebe dir hier nur gesamtwirtschaftlichen Hintergrund, die Tabelle selbst gehen wir alle zusammen morgen Abend im Plenum durch. Als Eco-Zone-Bewohnende können wir nämlich noch bis Mitte November Eingaben zum Haushalt machen. Im Plenum diskutieren wir, ob wir eine Eingabe für nötig halten und für so wichtig, dass wir den Aufwand, die nötigen Unterstützungsunterschriften zu sammeln, angehen wollen. Bevor wir zur Bedeutung der Tabelle kommen – du weißt, wie in-zone das Geldsystem funktioniert?“ Als Tom antwortete, dass er keine Ahnung hatte, holte Sheila weiter aus und erklärte, dass die Transfers von Eco niemals direkt zwischen den Handelnden stattfanden, sondern immer über die Zonen-Zentralbank, die ZZB, liefen. Jede natürliche und jede juristische Person in der Eco-Zone hatte genau ein Eco-Wallet, das ebenfalls von der ZZB verwaltet wurde. Daher wusste die Zentralbank exakt, wie viele Ecos im Markt waren. Einzig die ZZB konnte Eco schöpfen und das Ziel war, genau so viel Geld im Umlauf zu haben, dass damit alle privaten und öffentlichen wirtschaftlichen Leistungen und Investitionen finanziert werden konnten. Neu geschöpfte Ecos kamen über öffentliche Investitionen und Gehälter für Menschen, die Gesellschaftsarbeit leisteten – in ihren verpflichtenden sozialen Jahren oder weil ihr Wallet die negative Grenze erreicht hatte – in den Wirtschaftskreislauf. Es sollten aber nur so viel neues Geld geschöpft werden, wie durch die erhobenen Steuern nicht abgedeckt war, da sonst Inflation drohte. Die Höhe der Steuern richtete sich nach der Leistungsfähigkeit der Steuerzahlenden. „Ihr seht also“, Sheila wandte sich auch an Mike und Henri, die dem Vortrag ebenfalls konzentriert folgten, „das Wichtigste ist, die Zu- und Abflüsse von Ecos möglichst präzise zu kontrollieren und für das nächste Jahr abzuschätzen, damit weder zu viel noch zu wenig Geld im Umlauf ist. Die Kontrolle funktioniert, weil es eine rein digitale Währung nach dem Blockchain 2.6 Verfahren ist und weil Ecos nur für konkrete Güter oder Leistungen über die Zonen-Grenze gehen dürfen – reiner Währungstausch ist auf Mini-Beträge für private Zwecke begrenzt. Des Weiteren kann man ebenfalls nur geringe Beträge pro Jahr verschenken und das Ansparen auf dem eigenen Wallet hat seine Grenze. Was der Kontrolle des tatsächlich umlaufenden Geldes dient, aber auch den Geldreichtum limitiert; man kann also durch Geldbesitz keinen Profit mehr machen. Geld dient einzig der Erreichung der ökonomischen und gesellschaftlich beschlossenen Ziele.“
Tom hielt den bekannten Kritikpunkt entgegen: „Ist das System nicht zu ineffizient und erstickt die Wettbewerbsfähigkeit? Außerdem sind die Ecos außerhalb der Zone wirklich wenig wert!“
Abdulhamid löste Sheila ab „Als Volkswirt ist es sehr spannend für mich, genau das zu studieren. Und bevor du fragst, warum man die Nachteile überhaupt in Kauf nimmt: Es gibt Gründe, die Nachteile des herkömmlichen Finanzsystems für gravierender zu halten. Makroökonomisch zum Beispiel die Tatsache, dass der Finanzsektor bereits schwere Wirtschaftskrisen ausgelöst hat. Mit dem Eco-System gibt es keine Zockerei mit riskanten Finanzprodukten mehr. Keine teuren Rettungsaktionen für Banken, die sich verzockt haben, aber gerettet werden müssen, damit sie nicht die Volkswirtschaft mit in den Abgrund reißen. Keine Blasen, irrationalen Hypes oder Panikreaktionen an Börsen. Keine Gefahr von Transaktionslawinen durch automatisierte Des- oder Investitionsentscheidungen. Keine Fehlallokation von Kapital.“
„Und keine Wetten gegen Firmen oder Länder.“, ergänzte Sheila.
Dann meldeten sich auch die anderen in der Runde zu Wort: „Keine Spekulation mit Nahrungsmitteln.“
„Keine Gewinne und kein Steuerbetrug durch Millisekunden-Hin-und-Her-Transfers von Wertpapieren.“
„Keine Geldwäsche.“
„Keine Währungsspekulation mit Ecos.“
„Keine umweltschädlichen und unethischen Investments des Reibachs wegen.“
„Keine Aktienprofite mit Gütern der Daseinsvorsorge – Wohnen, Gesundheit, Pflege.“
„Steuergerechtigkeit und Steuerehrlichkeit.“
„Kein Verkauf von nutzlosen Finanzprodukten an ahnungslose Privatkundis der Provision wegen.“
„Kein Kapital, das sich leistungslos immer weiter vermehrt und die Kluft zwischen Arm und Reich vertieft, so dass die Abgehängten am Ende ihr Heil bei sado-liberalen Politik-Berserkern suchen.“
Sheila schaute in die Runde: „Also, wenn es einen Orden für ideologisch gefestigte, vorbildliche Zonis gäbe, dann würde ich ihn euch jetzt verleihen. Vielen Dank für die Liste. Wir sehen: Es spricht einiges dafür, es ohne Banken zu versuchen. Braucht nur eine sehr ausgefeilte Fiskalpolitik. Die MMT, Modern Monetary Theory, gibt einige Anregungen, wie es funktionieren kann. Die Grundlage für die notwendige fiskalpolitische Planung ist jedenfalls die Tabelle, die wir gerade bekommen haben. Und was den Wert der Währung angeht: Der ist momentan zugegebenermaßen enttäuschend. Aber wenn die Eco-Zone diese Wirtschaftsweise zum Funktionieren bringt und die erwarteten Vorteile – im Wesentlichen Wohlergehen für alle und innergesellschaftlichen Frieden – realisiert, dann werden sich voraussichtlich weitere Länder anschließen. Und schließlich ein so großes wirtschaftliches Gewicht darstellen, dass sich ein akzeptabler Wechselkurs entwickelt. Bis das der Fall ist, behilft sich die ZZB mit einer saftigen Umtauschgebühr. Die Länder der Eco-Zone müssen einfach nur vorsichtig mit der Verschuldung in anderen Währungen sein, können aber ansonsten ungestört ihr Ding machen.“
Grinsend sagte Nelly, dass man der einstmals mächtigen Finanzlobby eigentlich dankbar sein müsse. Sie sei quasi Opfer ihres eigenen Erfolgs geworden: Durch ihren massiven Einfluss auf die Politik habe sie solange alle vernünftigen Reformen abgewendet, bis die komplette Abschaffung als beste Möglichkeit für notwendige schnelle Änderungen übriggeblieben war.
Juliane ergänzte, dass es außerdem schön übersichtlich sei und Zeit und Nerven spare, sich nicht mehr ums Geld kümmern zu müssen. Eigentlich sei nur das Prinzip der einen gesetzlichen Rentenkasse und der einen gesetzlichen Krankenkasse ausgeweitet worden auf die eine gesetzliche Bank.
„Okay, noch eine Frage“ Tom versuchte den Gedanken, der ihm während des fiskal-theoretischen Crashkurses durch den Kopf geschossen war, zu fassen und zu formulieren. „Warum gibt es in-zone dann überhaupt noch Finanzämter? Ach ja, und à propos Krankenkasse: warum werde ich mit Angeboten von Krankenkassen zugemüllt, wenn es hier nur noch die eine gesetzliche gibt?“
Abdulhamid fühlte sich für Toms erste Frage zuständig. „Sehr berechtigte Frage: was machen die Finanzämter in der Zone? Das Einziehen der Steuern aus den privaten und den Unternehmens-Wallets geschieht komplett automatisch und ist bis auf ganz seltene Ausnahmen auch automatisch korrekt. Die Finanzämter, wie übrigens auch der Zoll, der jetzt keine Bundesbehörde mehr ist, sondern den Bundesländern zugeordnet ist, kümmern sich ausschließlich um die Verhinderung von Wirtschafts-, Finanz- und Währungskriminalität. Gibt immer wieder Versuche, Wallets bis zur negativen Grenze auszureizen und das Geld oder die damit erworbenen Güter nach außerhalb der Zone zu transferieren. Oder gegen andere Währung getauschte Ecos zurückzutauschen. Das muss natürlich unbedingt unterbunden werden.“
Nelly wandte sich der zweiten Frage bezüglich der Krankenkassen zu. „Ich würde einen Filter setzen und alle Krankenkassen automatisch blocken. Brauchst du echt nicht, wenn du nicht irgendwelche Luxuswünsche hast oder unbedingt auch Homöopathie, Handauflegen oder andere magische Verrichtungen erstattet haben möchtest. Oder hat von euch jemand einen Zusatzvertrag?“ Alle in der Runde verneinten. Juliane wiederholte, dass das ja genau das Schöne sei, dass man von solchem Kram entlastet sei, dass man sich nicht um Versicherungsvergleiche oder Steuererklärungen kümmern musste und das stressige Gefühl los war, sich damit eigentlich eingehender beschäftigen zu müssen.
Vorschau auf Teil II
Die Technologie von Voltputz weckt Interesse. Was als Spionage zur Erlangung der Betriebsgeheimnisse beginnt, weitet sich zu einer Gefährdung der gesamten Eco-Zone aus. Da den Behörden die Hände gebunden sind, muss die Zivilbevölkerung zur Verteidigung einrücken. Wenn Expertis zu lange brauchen, um das Ausmaß der Bedrohung zu begreifen, entstehen unvermutete Held*innen.
Dieser Teil ist noch in Arbeit und wird, weil ich weniger Zeit zum Schreiben habe als ich möchte, einige Zeit dauern.
>> Wer möchte, kann sich gerne per Kontaktformular für den zweiten Teil vormerken. Ich schicke eine Mail, wenn er fertig ist.
Download
Den ersten Teil des Buches gibt es hier kostenlos zum Download. Dieser Teil beschreibt das Setting – siehe Leseproben. Für die Leseproben habe die Kapitel ausgewählt, die am meisten „Zonen-Info“ beinhalten.
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